9. Februar 2012

100 Jahre Botschafter der Hoffnung

[Bogenhofen, Österreich] Vor 100 Jahren, im Jahr 1907, kam ein gewisser Ferdinand Prauhart von Süddeutschland nach Österreich. Er arbeitete als so genannter adventistischer „Kolporteur“ oder „Buchevangelist“, in dem er Bibeln, christliche Literatur sowie Bücher zum Thema Gesundheit von Haus zu Haus verkaufte. Festakt 100 Jahre Botschafter der HoffnungEine hundertjährige missionarische Erfolgsgeschichte auf österreichischem Boden begann. Vom 17. – 19. August 2007 fanden aus diesem Anlass im Gemeindezentrum des Seminars Schloss Bogenhofen, Österreich, eine Reihe von Jubiläumsveranstaltungen statt. Raimund Fuchs, Leiter der Buchevangelisation in Österreich, begrüßte beim Festgottesdienst am Samstag insgesamt etwa 350 Teilnehmer – neben den derzeit tätigen Buchevangelisten mit ihren Familien auch viele ehemalige Mitarbeiter sowie Gäste aus dem In- und Ausland.

Die Eröffnungsansprache am Freitag Abend hielt Pastor Gabriel Maurer, Sekretär der Kirchenleitung der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten in der Euro-Afrika-Region und verantwortlich für den Bereich Verlage und Buchevangelisation. Er ging der Frage nach, welchen Stellenwert der Missionsauftrag Jesu für die Christen in einem säkularen Umfeld heute noch hat. „Mission bedeutet unmissverständlich Opfer. Das klingt nicht gut in postmodernen Ohren“, formulierte Gabriel Maurer die Herausforderung. Aber der Begriff müsse heute genauer definiert werden. Adventistische Mission bedeute, so Maurer weiter, „Menschen in das Reich Gottes hineinzulieben“. Und er zitierte einen der Pioniere der Buchevangelisation im deutschsprachigen Raum, den Schweizer Sigi Tobler mit der Feststellung: „Als Buchevangelisten suchen wir nicht die Menschen, die uns abweisen, sondern die Menschen, die Gott vorbereitet hat.“ Mission sei nur in der Zusammenarbeit mit Gott möglich und sinnvoll. „Gläubige haben Zukunft, und das bedeutet, Mission hat Zukunft.“

Trotz der modernen Medien seien Printmedien nach wie vor populär. „Menschen lieben Bücher. Und gerade gute Bücher können dazu anregen, über Gott nachzudenken. Eine Kirche, die inhaltlich etwas zu sagen hat, braucht das gedruckte Wort.“ Dabei müsse aber immer Jesus Christus im Mittelpunkt stehen. Die 100 Jahre „Buchevangelisation in Österreich“ zeigen, dass „Mission einen langen Atem“ habe.

Wie kann die Vision der Verbreitung christlicher Literatur durch Buchevangelisten gerade im säkularen Mitteleuropa lebendig bleiben? Dieser Frage ging Pastor Howard Faigao, verantwortlich für das adventistische Verlagswerk und die Buchevangelisation auf Ebene der Weltkirchenleitung im Rahmen seiner Predigt am Samstag Vormittag nach. Faigao formulierte drei Kernaussagen: „Erstens ist es wesentlich, das Wort Gottes, das Evangelium von der Erlösung durch Jesus Christus selber anzunehmen. Zweitens muss diese Botschaft der Hoffnung weitergegeben werden. Und drittens ist es wichtig, dass der einzelne sein Leben nach dem Wort Gottes ausrichtet.“

„Der Dienst des gesprochenen Wortes und der Dienst des geschriebenen Wortes gehören zusammen und sind gleichwertig. Eine Predigt kann allerdings vergessen werden, das gedruckte Wort aber bleibt“, betonte Faigao. Das mache die Verbreitung von christlicher Literatur durch Buchevangelisten so wertvoll. Weltweit gibt es 65 adventistische Verlagshäuser, die in 261 Sprachen christliche Literatur drucken. 40.000 Buchevangelisten haben in den letzten 5 Jahren weltweit etwa 54 Millionen Bücher verkauft.

Dr. Daniel Heinz, Leiter des historischen Archivs für europäische Adventgeschichte, skizzierte in seinem Referat am Samstag Nachmittag die Geschichte der Buchevangelisation und zeigte deren Bedeutung im Kontext adventistischer Mission auf. In Anlehnung an die waldensischen „Kolporteure“ im 13. Jahrhundert, die pietistischen „Schriftenmissionare“ des 18. sowie die „Buchevangelisten“ der Bibel- und Missionsgesellschaften des 19. Jahrhunderts entwickelte die Adventbewegung ihre Buchevangelisation. „Es ist interessant“, so Heinz, „dass die Wiege der adventistischen Buchevangelisation nicht in Nordamerika, sondern in Europa liegt.“ Michael Belina Czechovski, ein ehemaliger polnischer Priester, der in Amerika Adventist wurde und danach als Missionar nach Europa zurückkam, bezeichnete sich selbst als „Buchkolporteur“. Er verkaufte in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine von ihm selbst erzeugte Missionszeitschrift sowie Bücher, in dem er in Norditalien, Frankreich, der Schweiz und dem Elsass Menschen in ihren Heimen aufsuchte. Später war es der deutsche Missionar Ludwig R. Conradi, der besonders im deutschsprachigen Raum diese Art von Literaturverbreitung in sein Missionskonzept einbaute.

So kam schließlich 1907 Ferdinand Prauhart als Buchevangelist von Süddeutschland aus auch nach Österreich, nachdem die ersten Adventisten hier 1903 getauft worden waren. 1913 berichtete der damalige Präsident der Weltkirchenleitung der Kirche der Siebenten-Tags Adventisten, A. G. Daniells über seinen Besuch in Österreich: „Die Buchevangelisten in Österreich werden regelmäßig verfolgt und landen im Gefängnis.“ Das zeige, so Heinz in seinem Rückblick, unter welchen Schwierigkeiten diese Arbeit getan wurde. Eine freie und offene Religionsausübung bzw. Verkündigung sei lange Zeit nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich gewesen. Trotzdem wuchs die Adventbewegung, woran die Buchevangelisation entscheidenden Anteil hatte. Ferdinand Prauhart, Rudolf Grabner und Franz Hasel prägten die Buchevangelisation als Leiter vor bzw. in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Als 1921 in Wien eine Zweigniederlassung des Hamburger Verlagshauses gegründet wurde, begann die Zeit der legaleren Arbeit. Damals gab es etwa 20 Buchevangelisten in Österreich.

1941 kam es im Zusammenhang mit der politischen Entwicklung in Europa zur polizeilichen Schließung des Verlages in Wien, wodurch auch die Buchevangelisation für einige Jahre nicht mehr möglich war. Doch sieben Jahre später konnte der Verlag unter dem Namen „Rudolf Überbacher Verlag“ (später „Wegweiser Verlag, heute „Top Life – Wegweiser Verlag“) wieder offiziell arbeiten und die Buchevangelisation nahm einen neuen Aufschwung. Die Leiter nach dem Zweiten Weltkrieg waren Ferdinand Stronegger, Erich Riesenfellner, Alfred Jungwirth, Gerhard Sommersguter, Willi Meir-Huber und derzeit Raimund Fuchs. Seit 1948 arbeiteten in Österreich zeitweise bis zu 45 Buchevangelisten. Sie verkauften in dieser Zeit durchschnittlich 30.000 Bücher und Bibeln im Jahr und arbeiteten jährlich ca. 40.000 Stunden. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum ca. 1.500.000 Bücher verkauft. Etwa zehn Prozent aller Adventisten in Österreich haben ihren ersten Kontakt mit der Adventgemeinde durch Buchevangelisten gehabt.

„Es ist heute für die Länder Europas erwiesen, dass die Adventgemeinde besonders in den Regionen wächst, wo die Buchevangelisation als Missionsunternehmen der Gemeinde gefördert wird. Die Buchevangelisation gehört zum missionarischen Kerngeschäft der Adventgemeinde. Die Buchevangelisten verstehen sich nicht als Vertreter irgendeines Wirtschaftsunternehmens, sondern sie verstehen sich als Evangelisten und Missionare und schöpfen daraus ihre Motivation für ihre schwierige aber gesegnete Arbeit.“ In diesem Sinn sei die Buchevangelisation als flächendeckendes und kostengünstiges Missionsmodell immer noch unerlässlich. Es gebe kein anderes Modell, das die Buchevangelisation ablösen könne, formulierte Daniel Heinz zusammenfassend.

Herbert Brugger - AnspracheDas Motto der Kirche der Siebenten-Tags Adventisten in Österreich für die Zeit bis 2010 lautet „Österreich erreichen“. Dabei spielt die Arbeit mit Literatur von Haus zu Haus durch die Buchevangelisation eine entscheidende Rolle. Pastor Herbert Brugger, Präsident der Kirche der Siebenten-Tags Adventisten in Österreich, sagte: „Die Buchevangelisation ist etwas Besonderes. Ich glaube, wir könnten uns die Adventgemeinde ohne unsere Buchevangelisten nicht vorstellen. Das war in der Vergangenheit so, das ist in der Gegenwart so, und das wird auch in der Zukunft so sein. Obwohl diese Arbeit herausfordernder geworden ist, brauchen wir den Einsatz der Buchevangelisten auch heute noch.“ Brugger betonte das klare Bekenntnis der Kirchenleitung der Siebenten-Tags-Adventisten in Österreich, die Buchevangelisten und ihre Familien in ihrem Dienst auch weiter zu unterstützen.

Die Begeisterung für diese Arbeit wurde auch deutlich, als drei Generationen von Buchevangelisten aufs Podium gebeten wurden. Karl Hierzer arbeitete von 1951 bis 1987 als Buchevangelist, sein Sohn Manfred Hierzer feiert heuer sein 30 jähriges Dienstjubiläum und auch der Enkel, Samuel Hierzer, hat im Rahmen eines speziellen Studentenbuchevangelisations-Programms viele interessante Erfahrungen gesammelt. Manfred Hierzer betonte die Erfüllung, die er in diesem besonderen Dienst gefunden hat.

Die Grußworte der Verlags- bzw. Buchevangelisationsvertreter aus der Schweiz, Deutschland und Tschechien machten deutlich, wie wichtig die länderübergreifende Zusammenarbeit ist. Insbesondere die langjährige freundschaftliche Verbundenheit zwischen dem Advent-Verlag Krattigen, Schweiz, und dem Top Life Wegweiser-Verlag hat viele gemeinsame Buchprojekte möglich gemacht. Christian Alt, Leiter des Schweizer Verlages, verwies in diesem Zusammenhang auf die laufenden gemeinsamen Projekte im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur sowie die Herausgabe der neu bearbeiteten Bibelkommentarserie von Ellen G. White.

Franz Mössner, Leiter des Top Life – Wegweiser Verlages in Spillern, Niederösterreich, verwies auf die Herausforderungen der heutigen Zeit: „Wenn man in den Anfängen der Arbeit [in Österreich] noch fürchten musste, eingesperrt zu werden, oder in der Zwischenkriegszeit die Inflation und andere wirtschaftliche Probleme zum Existenzkampf wurden, so trifft die Buchevangelisation im 21. Jahrhundert auf die Herausforderung unserer multimedialen Welt, die sich in immer kürzeren Abständen verändert. Aber die Menschen sind immer noch auf der Suche nach Hoffnung und Zukunft in ihrem Leben.“

Der Leiter der Buchevangelisation in Österreich, Raimund Fuchs, der die Jubiläumsveranstaltung gemeinsam mit seinem Team perfekt organisierte, betonte, dass es besonders in dieser Arbeit wichtig sei, auf Gott zu vertrauen: „Ich bin zuversichtlich, dass Gott wie in den letzten hundert Jahren auch heute und in der Zukunft mit uns ist. Wir wollen ihm ganz zur Verfügung stehen.“ Durch das neue Konzept des „Top Life Beraters“ mit einem verbreiterten Angebot und einer größeren Vernetzung mit anderen Institutionen und Organisationen sowie die verstärkte Internetpräsenz der Verlagsangebote (www.toplife-center.at) versuche die Buchevangelisation den missionarischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen und Menschen in Österreich mit der Botschaft der Hoffnung von Jesus Christus auch in Zukunft zu erreichen.

Das Jubiläumsprogramm wurde von viel Musik auf hohem künstlerischen Niveau umrahmt. Am Sonntag fand nach einer Bibelbetrachtung mit Dr. Daniel Heinz ein Stationenspiel mit spannenden Quizfragen zum Thema Bücher und Buchevangelisation und anschließender Preisverleihung statt. Am Abschluss stand eine Weihestunde mit Pastor Herbert Brugger, dem Präsidenten der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Österreich.

Die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten ist eine protestantische Freikirche mit weltweit 15 Millionen Mitgliedern. Sie versteht sich als prophetische Bewegung, die die Welt auf die Wiederkunft Christi vorbereiten will. In Österreich gibt es 3.800 getaufte Mitglieder in 49 Gemeinden. Der Top Life Wegweiser Verlag konzentriert sich neben Büchern zum Thema Bibel und Glaube auf Gesundheits-, Erziehungs- sowie Kinder- und Jugendliteratur.

Quelle: Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten, Österreich