[München] Ministerpräsident Horst Seehofer irrte sich, als er zur Eröffnung des 2. Ökumenischen Kirchentages den Verantwortlichen dankte, “allen voran Erzbischof Marx und Landesbischof Friedrich”. Denn Kirchen- und Katholikentage werden seit jeher nicht von Amtskirchen veranstaltet, sondern von engagierten Laien. Bischöfe sind auf Kirchentagen Gäste. Gerade weil Kirchentage von Basisbewegungen veranstaltet werden, erhalten sie eine schillernde Vielfalt und bemerkenswerte Offenheit. In München zeigte sich das insbesondere in der Frage nach dem gemeinsamen Abendmahl von Katholiken und Protestanten. Obwohl der Vatikan das gemeinsame Abendmahl konsequent ablehnt, wurde es von den Teilnehmern immer wieder lautstark gefordert. „Das gemeinsame Abendmahl hängt letztendlich von der Frage ab, ob der Heilige Geist auch woanders weht als in Rom“, pointierte der Katholik und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse. Immer wieder wurde Kritik an der Zurückhaltung des Heiligen Stuhls laut. „Wenn wir auf die Kirchenleitungen und die Theologen warten, dann mümmelt noch jahrzehntelang jeder nur das eigene Brot“, rief Fulbert Steffensky in einer Bibelarbeit seinen 2.300 Zuhörern zu. Einmal mehr zeigte der Ökumenische Kirchentag, dass die Verbundenheit dort wächst und entsteht, wo sich Christinnen und Christen als Schwestern und Brüder erkennen, weil ihr Glaube dem gleichen Herrn gilt. Das Kirchenvolk zeigte sich emanzipiert und selbstbewusst gegenüber kirchlichen Leitungen und forderte Schritte des Aufeinanderzugehens.
Erstmals nahm der Kirchentag in München auf Initiative des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim eine Veranstaltungsreihe „Konfession kreuzweise – was mir am anderen gefällt“ auf, in denen sich Kirchen wechselseitig vorstellten. Die Moderatorin Maria Stettner (Ev.-Luth. Kirche in Bayern) erkannte darin eine doppelte Funktion: Es sei zum einen eine Übung an Ehrlichkeit und Sensibilität, vor dem Anderen über dessen Glauben zu reden. Gleichzeitig sei es auch ein Test, wie die Anderen den eigenen Glauben wahrnehmen. Über den Katholizismus sprach der Friedensauer Kirchenhistoriker Johannes Hartlapp. An fünf Stationen seines Lebens entdeckte er Merkmale der katholischen Glaubens, denen er besondere Wertschätzung entgegenbringt: Als Schüler wurde ihm beim Besuch eines katholischen Gotteshauses deutlich, dass die Geschichte des Christentums die meiste Zeit die Geschichte des katholischen Glaubens war. In seiner Studienzeit bereicherte ihn Literatur katholischer Verfasser, und in der Begegnung mit Ordensgemeinschaften faszinierte ihn die tiefe Spiritualität mit der Konzentration auf das Wesentliche. Insbesondere aus dem mönchischen Leben sei die Kraft zur Erneuerung der Kirche hervorgegangen. Der Wehrdienst als Bausoldat der NVA führte ihn in einer Notgemeinschaft mit Priesteramts-Kandidaten zusammen, mit denen er eine intensive Andacht erlebte und bis heute eine enge Freundschaft verbindet. In der Begegnung mit Kardinal Lehmann, der eine besondere Fairness und Offenheit entgegenbrachte, lernte Hartlapp den Wert einer weltweiten Kirche schätzen. Sie besitzt die Fähigkeit, die Breite der Glaubensformen zu tragen und weist zugleich mit ihrem geistlichen Oberhaupt eine weltweit gehörte ethische Stimme auf. Und die Einladung einer katholischen Kirchengemeinde, bei einer Veranstaltung zur „Woche für das Leben“ zu sprechen, verdeutlichte ihm das gemeinsame unbedingte Ja zum menschlichen Leben. „Natürlich bleiben zwischen uns auch Differenzen“, gab der Friedensauer Hochschullehrer unumwunden zu. „So ehrlich muss man sein: Es sind tief greifende theologische Fragen, die zwischen uns stehen. Doch nur dann, wenn wir den gegenseitigen Wert, den spezifischen Reichtum der andern Konfession entdecken, dann wird das Gespräch zu einem echten Dialog werden.“
Der evangelisch-reformierte Pfarrer Dietmar Arends stellte anschließend die Siebenten-Tags-Adventisten vor. Im Zusammenhang mit der Feier des Sabbats durch Adventisten bedauerte er, dass das Gros der Christen und Juden mit Sabbat und Sonntag getrennte Feiertage haben. Die adventistische Sabbatpraxis könne eine wertvolle Brücke für den christlich-jüdischen Dialog sein. Das gleiche gelte für die hohe Beachtung, die Adventisten dem Alten Testament entgegenbringen. Arends wertschätzte das Bibelgespräch im Gottesdienst und das hohe Bibelwissen der Adventisten. Durch zahlreiche soziale Einrichtungen, Medienhäuser, Schulen und Universitäten und durch das starke Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit seien Adventisten eine Kirche der Tat, so Arends. Fragen aus dem Publikum zeigten, dass den Adventisten ein neugieriges Interesse entgegengebracht wird.
Trotz des respektvollen Umgangs der Konfessionen miteinander schrillten auch pointiert kritische Töne über den Kirchentag. Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann wurde mit stehenden Ovationen von den Teilnehmern empfangen. In einer Predigt im Liebfrauendom scheute sie sich nicht, die Pille als ein „Geschenk Gottes“ zu bezeichnen. „Es geht um Liebe ohne Angst und um verantwortliche Elternschaft“, so Käßmann. Besonders in armen Ländern des Südens stürben überdurchschnittliche viele Mütter an Schwangerschaft und Geburt. In vielen Fällen könnten sie ihre Kinder nicht ernähren. Der Segen des Gebärens dürfe für die betroffenen Frauen nicht zum Fluch werden, meinte Käßmann. Die Forderung der ehemaligen Bischöfin – ausgerechnet am Sitz des Münchner Erzbischofs gesprochen – provozierte eine prompte Reaktion von katholischer Seite. Die Pille sei vom Menschen gemacht und nicht von Gott in die Welt hinein geschenkt, so Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Die katholische Kirche lehnt Verhütungsmittel streng ab.
Das ungeplante Top-Thema des Kirchentags war der sexuelle Missbrauch durch kirchliche Amtsträger. Bereits bei der Eröffnung des Kirchentags forderte Bundespräsident Horst Köhler, sich offen dem Thema zu stellen: „Wenn Christen zusammenkommen, ob im Gottesdienst oder auf dem Kirchentag, dann bekennen sie voreinander und vor Gott ihre Schuld, dann bitten sie um die Kraft zur Erneuerung und Umkehr, dann bitten sie um Gottes Gnade. Das ist heute wichtiger denn je.“ Dass der Schutz und die Rehabilitation der Opfer Änderungen im kirchlichen Umgang mit dem sexuellen Missbrauch erfordert, war eine Forderung Wolfgang Thierses. „Ich wünsche mir“, bekundete der Politiker, „dass die katholische Kirche ein Beispiel für die ganze Gesellschaft wird, wie man mit einer moralischen Katastrophe umgeht, so wie es Margot Käßmann in einem ungleich harmloseren Zusammenhang gezeigt hat.“ Bei der Diskussion von katholischen Geistlichen zum Missbrauchsskandal, darunter der Missbrauchsbeauftrage Bischof Ackermann und der Leiter des Berliner Canisius-Kollegs Pater Mertens, kam es zu einem Eklat: Das inzwischen prominente Opfer Norbert Denef forderte während der Veranstaltung lautstark, Opfer in die Diskussionsrunde einzubeziehen. Auf dem Podium fand die Ein-Mann-Demo kein Gehör – im Gegensatz zu der Berichterstattung in den Medien, die den Zwischenfall in den Mittelpunkt rückten. Das offene Gespräch mit den Betroffenen blieb eine un-gelbste Herausforderung.
In 3.000 Veranstaltungen blieb kaum ein Thema ausgespart. Die Bewahrung der Schöpfung und ihre Konsequenzen für die Wirtschaftsethik, Fragen der Einen Welt und der sozialen Gerechtigkeit – der Kirchentag forderte die Christen heraus, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, in der sie leben. Neben den großen gesellschaftlichen Themen bot der Kirchentag auch Platz für Tausende Projekte und Initiativen, die sich auf einem Markt der Möglichkeiten präsentierten. Die Theologische Hochschule Friedensau rückte auf ihren Präsentationsstand die sozialwissenschaftlichen Bildungsangebote in den Mittelpunkt. Studierende und Lehrende berieten Interessierte zu Pflegewissenschaften, Gesundheits- und Sozialmanagement sowie weiteren Studiengängen.
Dass Einheit in gelebter und tolerierter Vielfalt möglich ist, bewies das Münchener Großereignis. In einer Podiumsdiskussion saß neben der schillernden Nina Hagen eine Benediktinerin im schlichten Nonnengewand. Rock-Ikone und Ordensschwester sprachen miteinander über ihre Glaubenserfahrungen – ganz unterschiedlich und doch miteinander vereint im Geist. „Damit ihr Hoffnung habt“ gelang es, Generationen zu verbinden. Angehende Senioren standen vor der Bühne des Popkonzerts und nicht weit entfernt saßen Jugendliche im Vortrag neben ihrer Elterngeneration. Bis spät in die Nacht tönte Jazz aus Halle 2 und Klassik aus Halle 4, hallte ein Popkonzert auf dem Odeonsplatz und jüdischeKlezmermusik auf dem Marienplatz. Ein friedliches Miteinander der Musikstile – das demonstrierte der Kirchentag.
Dass es einen 3. Ökumenischen Kirchentag geben werde, sicherte der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Stefan Vesper, zu – wann und wo er stattfinde, müsse man noch sorgfältig prüfen. Ein Ziel stehe bereits fest: Die Bewegung des Ökumenischen Kirchentags dürfe nicht mehr eine Gemeinschaft nur der beiden großen Kirchen sein, sondern müsse auch kleinere Kirchen einbeziehen, erklärte Vesper. Adventisten, Baptisten und weitere Freikirchen wurden in diesem Zusammenhang genannt. Dabei gehe es nicht um eine Einheitskirche, wie der Kirchentagspräsident Alois Glück festhielt. Aber es gebe „keine Grenzen, die uns Christen am gemeinsamen Handeln und Arbeiten hindern.“









