9. Februar 2012

Der Reformationstag – Chance zum geistlichen Aufbruch

Am 31. Oktober jährt sich zum 490sten Mal der Reformationstag, an dem Dr. Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen hat.
Mit seinen Thesen hat Luther eine bahnbrechende Entwicklung eingeleitet, die der verelendeten Kirche seiner damaligen Zeit gehörigen Widerstand entgegenbrachte und eine Bewegung ungeahnten Ausmaßes einleitete.

Was können wir von Luther heute noch lernen?

Der Reformator war kompromisslos verbindlich. Er hat, so ganz dem Zeitgeist unseres 21.Jahrhunderts zuwiderlaufend, eindeutig und missverständnisfrei Stellung bezogen. Er war nie unzweideutig oder gar um des lieben Friedens willen anpasserisch. Luther war so wenig Diplomat wie es sein Mäzen, Fürst Friedrich der Weise von Sachsen, war. Die beiden, die sich nie begegneten, ergänzten sich großartig.

Der Grund, dass Luther Mut zur Verbindlichkeit hatte, lag in seinem Verständnis des Wortes. Wort war für ihn, wenn es biblisches Wort war, Wort Gottes, und als solches unantastbar. Das gilt selbst in Anbetracht dessen, dass er sich dazu hinreißen ließ, den Brief des Apostels Jakobus als “Strohepistel” zu bezeichnen, was sie bestimmt nicht ist. Luther gestand dem Wort Autorität zu, und das Verbindliche des Wortes Gottes wurde zum Grundmuster des Verstehens des Wortes an sich – das Wort gilt als solches. Wenn Luther dichtete, “das Wort sie sollen lassen stahn”, dann autorisierte er nicht nur das Wort Gottes als höchste Instanz, er legte damit auch den Grund zu dem das protestantische Denken so radikal durchwebende Verbindlichkeitsverständnis des Wortes als solchem.

Aber es war in Anlehnung daran noch mehr: Luther nutzte das Wort in allen Möglichkeiten. Er hat dem Volk “aufs Maul geschaut”, und die intellektuellen Rabauken, denen wenig vom lutherischen Denken bekannt oder verblieben ist, zitieren dann irgendwelche Bemerkungen Luthers, die eine gewisse rhetorische Derbheit und damit eine angebliche Volksnähe vermitteln.

Wer Luther darauf reduziert, verbiegt ihn zur Unerträglichkeit. Luther hat manchmal wirklich derb formuliert, aber das ist in der Gesamtschau seiner Werke eher nachgeordnet. Wer Luthers drei reformatorische Schriften liest oder seinen Katechismus, der wird staunen über die Präzision der Gedankenführung und die Treffsicherheit der Sprache. Luther hat mit seinen Schriften, Vorlesungen und zum Beispiel den Vorreden zu den Büchern der Bibel in seiner deutschen Bibelübersetzung deutlich dokumentiert, dass er Theologe auf hohem Niveau war. Er konnte ebenso volkstümlich wie hochkarätig akademisch formulieren.

Ein gutes Beispiel liefert seine Erklärung zum ersten Gebot. Das erste Gebot, auf dem die ganze Thorá steht, das die ganze Grundlegung des geistlichen Fundamentes darstellt, ist in seiner bemessenen Form an geistlicher Dimension kaum zu überbieten. Luther erklärt das Gebot nicht in umfangreicher Kommentarsprache, sondern kommt in seiner Erklärung dem Wesen des Gebotes ganz entgegen: Er braucht einen Satz, aber der hat es in sich. Er schreibt: “Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.” Stimmt!

Luther hat damit den fortzeugend gültigen geistlichen Grund des Protestantismus gelegt und gezeigt, dass Luzidität des Denkens und souveräne Sprachhandhabung stets die besten Alliierten der Verkündigung sind. Vom Wort Gottes ausgehend das Wort zur Autorität zu bringen.

Und nicht nur das gelesene oder geschriebene Wort, auch das gesungene. “Wer singt, betet doppelt”, sagte einst der Kirchenvater Augustinus. Und wer Luthers Liedtexte singt, wird das erleben.

Die Gläubigen der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten sind gut beraten, Luther zum Vorbild ihres Denkens und Sprechens zu nehmen: Ehre, Kraft und Würde des Wortes Gottes können so wieder zu ihrer Bedeutung gelangen, die es eigentlich haben sollte, die es in einer Gemeinde, die einmal eine Gemeinde des Wortes war, immer hätte behalten müssen.