9. Februar 2012

Deutsche Adventisten in der Zerreißprobe

Von Martin Haase

Es ist fünfzehn Jahre her, dass Dr. William G. Johnsson, damals Chefredakteur der amerikanischen Kirchenzeitschrift „Adventist Review“, mit seinem neuen Buch „The Fragmenting of Adventism“ innerhalb der Siebenten-Tags-Adventisten für Aufregung sorgte. Der Autor setzt sich in der Lektüre mit dem Einfluss unterschiedlicher theologischer Trends auf den Zusammenhalt der weltweiten Freikirche auseinander.

Naturgemäß muss jede Kirche einen Mittelweg zwischen traditionell denkenden und gegenwärtig handelnden Gläubigen beschreiten. Das führt zu Konflikten und gelegentlich auch zu Krisen.

Nachdem auf der 59. Weltsynode der Siebenten-Tags-Adventisten in Atlanta der Amerikaner Dr. Ted N. C. Wilson zum neuen Präsidenten der Weltkirchenleitung gewählt wurde, entzündete sich in Deutschland eine leidenschaftlich geführte Debatte über die künftige theologische Ausrichtung der evangelischen Freikirche.

Auslöser der Auseinandersetzungen war die programmatische Predigt, die Dr. Wilson am 3. Juli 2010 zum Abschluss der Weltsynode vor mehr als 60 000 Zuhörern im Georgia Dom in Atlanta gehalten hatte. Die eschatologisch orientierte Rede unterschied sich inhaltlich und stilistisch von den Predigten seines Vorgängers Dr. Jan Paulsen, der während seiner Amtszeit als Norweger die Freikirche eher europäisch geprägt hatte. Wilsons Verkündigung lag ganz auf der klassisch-adventistischen Linie. Entsprechend groß war der Beifall, sowohl im Georgia Dom, als auch in diversen Internetforen. Die kritischen Stimmen waren in der Minderheit und kamen vorwiegend aus Europa, Australien und vereinzelt aus den USA.

Die Wilson-Predigt allein taugt allerdings nicht, um damit den entflammten Richtungsstreit an der adventistischen Kirchenbasis in Deutschland zu begründen. Spätestens seitdem im November 2009 der interne Entwurf eines Strategiepapiers mit dem Titel „Quo Vadis, Adventgemeinde? – Zukunft der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland“ an die Öffentlichkeit gelangte, zeigten sich viele Mitglieder der Freikirche irritiert. Schon das Geleitwort der deutschen Vorstände Günther Machel und Klaus van Treeck barg Sätze, die für unvorbereitete Kirchenmitglieder offenbar bedrohlich klangen: „Wir fragen uns vielmehr, welche Veränderungen uns bei der Erfüllung unseres biblischen Auftrages gut tun würden.“ Vernichtend die Stellungnahme des Biblical Research Institute, einer Art Glaubenkongregation der Siebenten-Tags-Adventisten: „Wenn diese Schrift programmatisch für die Zukunft der Adventgemeinde in Deutschland steht, wird die Antwort auf die Frage „Quo Vadis Adventgemeinde?“ wohl nur lauten können: „Ins Desaster.“

Kirchen sind aufgrund ihres Selbstverständnisses veränderungsresistent. Wer den über Jahrhunderte festgestampften Pfad kirchlicher Tradition infrage stellt, gilt als verdächtig. Es liegt in der Verantwortung der geistlichen Führung, notwendig erscheinende Veränderungsprozesse behutsam anzustoßen und sensibel zu kommunizieren.

Kirchen entstehen aus Glaubensgemeinschaften, in denen sich Gleichdenkende zu einer organisierten Glaubensheimat zusammenschließen. Sobald Veränderungsideen quasi top down, also von den Leitungsgremien dem Kirchenvolk verordnet werden, ist die Gefahr mangelnder Akzeptanz absehbar.

Eine Flut offener Briefe gibt derzeit die Stimmung an der Kirchenbasis wieder. „Verraten und verkauft“ fühlt sich ein Ehepaar, das 1966 in dem damaligen Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) durch die Taufe der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten beigetreten ist. Wie tief der Graben zwischen Kirchenleitung und Kirchenvolk ist, zeigt die Fragestellung dieses Ehepaares: „Ist es legitim, dass eine Unterschicht in gutem Glauben eine Oberschicht finanziert, die weder ihren Glauben teilt noch diesen im Außenverhältnis gegenüber anderen Christen vertritt?“

Wird hier der Samen für eine Rebellion mit kaum vorhersehbaren Folgen gelegt? Was sind die eigentlichen Streitpunkte und sind sie es Wert, eine Spaltung der Kirche zu riskieren? Die auf der Weltsynode in Atlanta erneut angestoßene Diskussion über die Schöpfung wird unterschiedlich interpretiert. Sind mit den Schöpfungstagen 24-Stunden-Tage gemeint? Einige empfinden den Führungsstil des neuen Kirchenpräsidenten Wilson als autoritär und absolut, gelegentlich sogar als unvereinbar mit der Kirchenordnung. Vertritt Pastor Wilson die Inspirationslehre, nach der die Bibel bis in den genauen Wortlaut hinein von Gott inspiriert sei? Genug Stoff für hitzige Auseinadersetzungen.

In der Fülle von Emails, Rundschreiben und öffentlichen Statements scheint sich momentan eine grundsätzliche Identitätskrise zu offenbaren. Zu unsachlich sind viele Formulierungen, zu unwürdig oft der Tonfall. Die kontrahierenden Parteien neigen dazu, ihre eigenen Positionen zu dogmatisieren, eine Entwicklung, die bei allen Beteiligten zum Verlust von Glaubwürdigkeit führt.

Derweil bemüht sich die Kirchenleitung um Schadensbegrenzung. So schreibt Pastor Günther Machel, amtierender Präsident der Freikirche in Deutschland, seinen Mitarbeitern und Dienststellen: „Wir distanzieren uns hiermit ausdrücklich von den herabsetzenden und verletzenden Worten gegenüber Ted Wilson sowie vom Ton, wie über die Konferenz (Weltsynode) gesprochen wurde. Hier sind Grenzen deutlich überschritten worden.“ Und sein Stellvertreter Pastor Klaus van Treeck ergänzt: „So bleibt die Liebe Christi unser oberstes Prinzip. Sie wird Respekt, Liebe und Mitgefühl füreinander hervorbringen – auch wenn theologische Erkenntnisse nicht genau übereinstimmen.“

Sofern die aus der Wirtschaft bekannten Kondratjew-Zyklen auf Kirchen übertragbar sind, befindet sich die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten frei nach Ian Gordon gegenwärtig in einem Kondratjew-Winter, sprich in einer Krise oder Depression. Solche Phasen sind oftmals von einer kreativen Zerstörung geprägt, die dann in eine nachhaltige Erneuerung münden. Daraus lässt sich folgern, dass die Siebenten-Tags-Adventisten nicht zum Untergang verurteilt sind, ein Resümee, das auch Dr. William G. Johnsson im letzten Kapitel seines eingangs erwähnten Buches mit seinen Lesern teilt: „Ich persönlich bin davon überzeugt, dass unsere Freikirche den Herausforderungen gewachsen ist. Ich glaube nicht, dass sie sich spalten wird.“ (mh)