Essay von Anton Schosch
Eigentlich haben die Schweizer Ende November 2009 etwas sehr „unschweizerisches“ gemacht – sie sorgten für Unruhe in Europa, – eine heilsame Unruhe, so wäre uns allen zu wünschen. Mit einem Mal ist der Schleier weg gewesen und was nun zu sehen ist, macht nachdenklich. Nicht die Entrüstung der Gutmenschen, ob immer echt, darf gefragt werden. Nicht der Jubel der ewig Gestrigen, er war zu erwarten. Auch nicht die Betroffenheit der Bedenkenträger, denn auch diese meldeten sich, gleich der Präzision eines Schweizer Uhrwerks, zur Stelle.
Nein, nachdenklich machen zwei Erkenntnisse: Erstens: Die Demokratie ist für die Machtelite nur ein Lenkungsmittel und zweitens: Religion hat mit dem Glauben nichts, aber auch gar nichts zu tun.
Demokratie, so sagt man und so lernt man in den Schulen, bedeutet, dass alle Gewalt vom Volke ausgeht. Was die Mehrheit eines Volkes entscheidet, das wird gemacht. Jetzt hat der frühere Sprecher der Genfer Moschee, Hafid Ouardiri, beim Europäischen Gerichtshof eine Beschwerde gegen den Volksentscheid in Sachen Minarettenbau eingereicht, weil nach seiner Auffassung das Verbot gegen die Religionsfreiheit und das Diskriminierungsverbot verstößt. Unterstützt von seinen Juristen glaubt er belegen zu können, die Schweiz habe mit ihrem Beitritt zur Europäischen Menschenrechtskonvention auch akzeptiert, dass der Gerichtshof in Straßburg gewisse fundamentale Werte kontrolliere, die nicht mehr infrage gestellt werden könnten – auch nicht vom Volk.
Auch sonst hat das Volk nicht viel zu sagen. Ein Referendum zum Lissabonvertrag fand u. a. auch in Deutschland nicht statt und in Irland wurde so lange gewählt, bis das Ergebnis herauskam, das die Regierung brauchte. Und dennoch muss man Winston Churchill (1874-1965) Recht geben, wenn er meint, „die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen aller anderen“. Aber wir dürfen nicht die Geschichte verklären. Die Demokratie als Staatsform wurde im alten Griechenland zur Blüte entwickelt und dabei war es selbstverständlich, dass es dort Sklaven ohne demokratische Rechte gab. Und auch in den Vereinigten Staaten von Amerika mussten die Schwarzen über zwei Jahrhunderte lange kämpfen, bis auch sie überall die Rechte der Unabhängigkeitserklärung von 1776 für sich in Anspruch nehmen konnten, z.B. das Recht auf Glück.
Die Geschichte der Religion ist bei weitem älter als die der Demokratie. Und sie hat von Anfang an mit Macht zu tun gehabt. Mit Religion konnte trefflich Macht über andere ausgeübt werden. Menschen über Menschen, Völker über Volker, Staaten über Staaten. Fast, so scheint es, muss man Lenin posthum recht geben, wenn er einen Gedanken Karl Marx‘ ableitend, formuliert: „Religion ist Opium fürs Volk!“. Wenn das alleine so wäre, wäre es schon schlimm genug. Aber es ist viel schlimmer! Es spricht vieles dafür, dass heute die Religion zum Gift für den Glauben mutiert. Religionen führten und führen Kriege. Tief gläubige Menschen, Menschen, die eine lebendige Beziehung zu ihrem Schöpfer pflegen und nicht zu Dogmen und Institutionen, sie führen keine Kriege.
Der Mann, der das vor 2000 Jahren durchschaute, in kein Schema passte, kein Blatt vor den Mund nahm, endete schließlich am Kreuz. Die Kirchengeschichte ist mit dem Blut der Märtyrer fortgeschrieben worden. Heute geht das viel subtiler. Soziale Ächtung und gesellschaftliche Ausgrenzung sind keine Einzelfälle. Aber waren nicht schon immer die Ketzer das Beste, was das christliche Abendland hervorgebracht hat?
Die Französische Revolution 1789, die auch in die Neue Welt jenseits des Atlantiks ausstrahlte, machte einen radikalen Schnitt. Im „blutigen September 1793“, nachdem das „Gesetz über die Verdächtigen“ verkündet worden war, fielen genau soviel katholische Kleriker der Guillotine zum Opfer, wie protestantische.
Europa hat den Jahrhunderte dauernde Gottesstaat ein für alle Mal satt. Die Menschen haben begriffen, dass Religion, wenn sie gleichzeitig auch Politik ist, zur Unfreiheit führt und letztlich eine Diktatur ist.
Eine „Französische Revolution des Islam“ steht noch aus – vielleicht.
Religiöse Freiheit in einer säkularisierten Gesellschaft hat einen grundlegend anderen Inhalt als beispielsweise in einem islamischen Kulturkreis.
Das müssen wir begreifen und artikulieren dürfen. Bisweilen hat man den Eindruck, manche Moslems fürchten die Säkularisierung und die Aufklärung wie der Teufel das Weihwasser – sie nehmen aber gerne derer Errungenschaften in Anspruch und reklamieren hier für sich Freiheiten, die es in ihren Heimatländern nicht gibt und auf absehbare Zeit wohl auch nicht geben wird. Wenn das Kopftuch an den türkischen Universitäten nicht erlaubt ist, aber an unseren Schulen im Namen der Religionsfreiheit erlaubt sein muss, dann stimmt die Symmetrie irgendwie nicht.
Wir müssen uns von der Illusion verabschieden, dass unser freies Leben und Denken auch für Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund attraktiv sein könnte. Es ist eher unwahrscheinlich, dass sie unser Werteverständnis und unser Kultursystem in ihre Gesellschaft hinein transportieren werden. Das Gegenteil ist der Fall. Es entstehen Parallelgesellschaften in unserem Gemeinwesen und unsere Freiheit wird als dekadent angesehen. Auch unsere Freiheit nach Gott zu fragen oder auch eben nicht zu fragen, wird als Schwäche charakterisiert und als nicht „über-lebensfähig“. Religionsdarwinismus könnte man es auch nennen.
Wie gut, dass Gott weder ein Moslem noch ein Christ noch ein Jude ist, oder gar ein Buddhist oder Hindu. Er offenbart sich dem Glaubenden, nicht dem Religiösen.
Anton Schosch, Redaktion TENDENZEN









