9. Februar 2012

Juden missionieren – “Holocaust mit anderen Mitteln”?

[Nürnberg]  Der deutsche Rabbiner, Professor Dr. Nathan Peter Levinson ist 87 Jahre alt und ein Vordenker des christlich-jüdischen Dialogs. Jetzt stellt er einen starken Vergleich an und verwendet dabei einen Ausdruck, bei dem sich für gewöhnlich der Zentralrat der Juden in Deutschland sofort zu Wort meldet, wenn ihn irgendjemand sonst in den Mund nimmt – Holocaust.

Vor allem Evangelikale fühlen sich derzeit verstärkt zur Judenmission berufen. Die bevorzugte Zielgruppe in Deutschland: Die Juden aus Osteuropa, die infolge den, z. B. in Bayern, wieder gewachsenen israelitischen Kultusgemeinden auf Dauer fehlen. Der alte, ehrwürdige Rabbiner rüttelt auf und geißelt diese Vorgehensweise als „Holocaust mit anderen Mitteln“. Die Bewegung messianischer Juden nennt er gar „eine jüdisch-christliche Sekte“.

Man reibt die Augen und fühlt sich 2000 Jahre zurück versetzt als Apostel Paulus vor dem Landpfleger Felix sagte: „Das bekenne ich dir aber, dass ich nach der Lehre, die sie eine Sekte heißen, dem Gott meiner Väter so diene, dass ich glaube allem, was geschrieben steht im Gesetz und in den Propheten“ (Apostelgeschichte Kap. 24, Vers 12).

Vielleicht ist aber auch dieses alte Wort nun der Schlüssel, um alles zu verstehen. Die Jahrtausende alte jüdische Geschichte, ist auch eine Geschichte des Wartens. Das von Gott auserwählte Volk wartet auf den verheißenen Messias – immer noch. Bis heute. Wenigstens theoretisch-theologisch.

Im Karl Heussis „Kompendium der Kirchengeschichte“ ist dokumentiert, dass in Palästina zurzeit Jesu mindestens 300 Wanderprediger, Wunderheiler und Sonderlinge, die sich für Messias hielten, lebten. Seit dem letzten jüdischen Propheten sind damals etwas 400 Jahre vergangen und es war mehr als verständlich, wenn das Kommen des Messias, gewisser Maßen „in der Luft lag“. Im von Römern besetzten heiligen Land hatte man schon ganz feste – irdische – Vorstellung von der Erlösung. Befassen sich heute jüdische Theologen mit Jesus, dann – so hat man den Eindruck – nur gezwungener Maßen. Eigentlich wäre er ihnen vermutlich nicht einmal einer Fußnote in ihren Analen wert gewesen. Aber über eine Milliarde Christen sind nun mal keine Petitesse.

Jesus war Jude. Seine Jünger waren Juden. Paulus war Jude. Was wollen Christen eigentlich – diese Unbeschnittenen?

Ob wir wollen oder nicht, Christen und Juden haben eine gemeinsame Geschichte. Zugegeben, in der mehr Blut und Tränen flossen als Milch und Honig. Es steht uns Christen überhaupt nicht zu – erst recht nicht nach unaussprechlichen Taten im 20. Jahrhundert – Menschen jüdischer Abstammung Gott oder gar Christus erklären zu wollen. Zumal wir ohnehin nicht gerade würdige Botschafter an seiner statt seien. Aber am Ärgernis „Kreuz“ kommt niemand vorbei. Es ist halt kein anderer Name gegeben, außer dem, dieses Juden, in dem das Heil ist und in dem wir selig werden sollen. Jenseits aller Theologien, Dogmen, Normen und Formen.

Das real existierende Christentum hat in fataler Weise den Missionsauftrag Jesu mit Macht und Gewalt, Feuer und Schwert vermengt. Jesus selbst hat niemals jemanden bekehren wollen, nicht einmal Petrus und Jerusalem erst recht nicht. Er wartet geduldig, bis sich Menschen selbst bekehren. Auf „aktive Missionstätigkeit“ hat er immer verzichtet. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn wartet Gott als Vater und holt niemanden vom selbst gewählten Weg gewalttätig zurück.

Paulus schreibt im Römerbrief, Kapitel 2, dass nicht derjenige ein Jude sei, der auswendig beschnitten sei, sondern inwendig am Herzen. Die „Herzens-Beschneidung“ ist übrigens ein uralter Gedanke. Ein Gedanke aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 30, Vers 6 – dem Gesetz und Propheten also, auf die sich Jesus berief. Und so „beschnittene“ Menschen gehören zum wahren Volk Gottes – egal wo sie ihre ethnologischen Wurzeln auch haben mögen.

[Anton Schosch, TENDENZEN, Nürnberg]