9. Februar 2012

Nach dem Still-Leben die Katastrophe von Duisburg

Von Martin Haase

Sechs Tage nach dem unbeschwerten Kultur-Volksfest auf der A40 wurde Duisburg zum Schauplatz einer entsetzlichen Tragödie. Gingen am Sonntag zuvor Bilder von drei Millionen fröhlich feiernden Menschen beim Still-Leben um die Welt, war es am Samstag der Love-Parade die Chronik einer brutalen Katastrophe.

Die Bestürzung über das Unglück in Duisburg hält an. Inzwischen 21 Todesopfer und mehr als 500 Verletzte zwingen nach Meinung des Präses der westfälischen Kirche, Alfred Buß „zum Nachdenken über die Grenze zwischen Rest-Risiko und Verantwortungslosigkeit.“

Wer ist schuld? Genügte das Sicherheitskonzept? Die Öffentlichkeit fordert, unterstützt von Prominenz und Politik, eine „rückhaltlose Aufklärung der Tragödie von Duisburg.“ Und die „Frage nach den Verantwortlichen ist längst gestellt und zumindest einer scheint festzustehen: Der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland“, meint Christoph Ullrich in einem Beitrag für den WDR.

Einen Schuldigen finden, um das kollektive Schuldbewusstsein zu entlasten? Mag sein, dass Trauer auch Symbole und Schuldige verlangt. Den Hinterbliebenen und Betroffenen hilft der Medienspektakel wenig. Trauer braucht keine Prominenz.

Wer wird nach dem 24. Juli 2010 innehalten? Wird der unersättliche Ruf der gaffenden Menge nach noch mehr „Brot und Spiele“ abklingen? Wohl kaum, die Party geht weiter, größer, schriller, freizügiger – ohne Tabus und ohne Grenzen.

„Dance or Die!” Dieses Motto der Partygemeinde hat nach der Katastrophe bei der Love-Parade einen makaberen Beigeschmack (Focus-Online). Wie ehrlich ist die Betroffenheit einer Gesellschaft, die anscheinend jedes unkalkulierbare Risiko bereitwillig in Kauf nimmt, – für „Leben, Tanz & Musik“, wie nach der Katastrophe auf einem Pappkarton im Tunnel der Karl-Lehr-Straße zu lesen war?

Wolf Dombrowsky, Professor für Katastrophenmanagement an der Steinbeis Hochschule Berlin erklärt im WDR 2 Mittagsmagazin: „Man weiß aufgrund der langen Erfahrungen mit Love-Parades und ähnlichen Events, dass hier Alkohol genommen wird und dass auch Drogen genommen werden – das ist ja normal…“ Und Panikforscher Gerald Pajonk erklärt, dass man auf solchen Veranstaltungen keine rational denkenden Besucher erwarten kann, sondern „Menschen, die möglicherweise schon Alkohol getrunken oder andere Drogen genommen haben“. Alkohol und andere Drogen als „normale“ Faktoren im Massenmanagement?

Die Sucht nach dem nächsten Hype, das Warten auf den nächsten Party-Tsunami – wir lassen es zu. Wir echauffieren uns über skrupellose Geschäftemacher, verantwortungslose Politiker und stellen womöglich noch die Frage: Wo warst du, Gott? Buß- und Bettage schaffen wir ab, sie passen nicht in unsere Spaßgesellschaft, die scheinbar oberflächlich und orientierungslos von einem Event zum nächsten treibt.

Tears in heaven? Am Samstag wird es in Duisburg eine zentrale Trauerfeier geben. Die „Zeremonie“ sei in einer Kirche geplant, sagte eine Sprecherin der Stadt am Dienstag. Ja, Gott war da, als 21 Raver aus den Niederlanden, China, Italien, Bosnien-Herzegowina und Spanien und Deutschland auf der Techno-Party ums Leben gekommen sind. Verantwortlich für den eskalierenden Wahnsinn sind wir.

Zu der Trauerfeier, für die unter anderem die Teilnahme von Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel geplant ist, werden zahlreiche Gäste aus dem Ausland erwartet. Gott wird auch da sein. Gott ist schon jetzt bei den Trauernden und Hinterbliebenen. Dieser mitleidende Gott gibt Trost und Hoffnung.  (mh/Foto: C. Piorr)