[Köln] Papst Benedikt XVI. veröffentlichte am Dienstag im Vatikan, einen Tag vor dem Beginn des G-8-Gipfels in L’Aquila, seine dritte Enzyklika. Sie trägt den Titel “Caritas in veritate” (“Die Liebe in der Wahrheit”) und ist die erste Sozialenzyklika Benedikts.
In dem neuen römischen Lehrschreiben bleibt sich der deutsche Pontifex Maximus treu. Mit verhaltener Kapitalismuskritik und einer aktualisierten katholischen Soziallehre lässt Benedikt konkrete Auswege aus der Finanz- und Wirtschaftskrise vermissen. Immerhin wird soziales Wirtschaften ohne Gewinnziel als erstrebenswert propagiert, der Glaube mutiert zum Wirtschaftsfaktor.
Aus der Sicht Benedikts braucht die Wirtschaft für ihr korrektes Funktionieren neue Regeln und eine weltweit anerkannte moralische und politische Autorität. So heißt es im 67. Absatz der Enzyklika: “Um die Weltwirtschaft zu steuern, die von der Krise betroffenen Wirtschaften zu sanieren, einer Verschlimmerung der Krise und sich daraus ergebenden Ungleichgewichten vorzubeugen, um eine geeignete vollständige Abrüstung zu verwirklichen, die Sicherheit und den Frieden zu nähren, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren, ist das Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität, wie sie schon von meinem Vorgänger, dem seligen Papst Johannes XXIII., angesprochen wurde, dringend nötig.“
Da scheint es nahezu selbstverständlich, auf die lange Tradition der katholischen Sozialverkündigung zurückzugreifen. Gerechtigkeit und Gemeinwohl gelten schließlich als wichtige Orientierungsmaßstäbe des römischen Pontifikats. Dennoch macht es hellhörig, wenn ein Kirchenführer sich als Berater für den fortschreitenden Globalisierungsprozess offeriert. In L’Aquila haben die Staatschefs darüber diskutiert, wie sie langfristig global agieren wollen, damit Finanz- und Wirtschaftskrisen solchen Ausmaßes nicht mehr entstehen. Welche Rolle mag bei ihren Überlegungen das Rundschreiben aus Rom gespielt haben? Können die Kirchen wirklich die Welt retten? Die neue Enzyklika möchte in dieser Diskussion jedenfalls als Leitfaden verstanden und beherzigt werden und der Papst macht keinen Hehl aus seinem Führungsanspruch, den er in seiner moralisch religiösen Autorität begründet sieht. Einem Katholiken scheint das plausibel, Andersgläubige reiben sich verwundert die Augen.
Das päpstliche Rundschreiben wendet sich an alle Bischöfe, an alle Gläubigen und an alle “Menschen guten Willens”. Zwar besitzen Enzykliken nicht den Rang der Unfehlbarkeit, sie gelten jedoch als authentische und verbindliche Äußerung des kirchlichen Lehramts. (mh)
Zum vollständigen Text der ENZYKLIKA CARITAS IN VERITATE









