4. Februar 2012

Radikales Christentum – Chancen und Gefahren

Dr. rer.nat. Dr. phil. Matthias Dorn, Bandung, Java/Indonesien

Von Matthias Dorn

Der Begriff „radikal“ erscheint uns negativ besetzt, denn wir verbinden damit unangenehme Erfahrungen und Erinnerungen. Radikal politische oder religiöse Konzepte, Kompromisslosigkeit, Fundamentalismus, Fanatismus und ähnliche Ausprägungen extremer Ansichten. Unberechtigt ist unser Unbehagen also nicht. Man tut gut daran, deshalb sehr genau darauf zu schauen, was die Radikalität ausmacht.

Der Begriff „radikal“ meint zunächst „an die Wurzel gehend“, also etwas, das an die Leben spendende, grundlegende Basis geht. Wer radikal lebt oder argumentiert, tut dies immer am Grundlegenden. Nun, das mag wohl richtig oder beeindruckend klingen, besitzt aber Risiken. Wer will ständig die Grundlagen, zum Beispiel seines eigenen Lebens reflektieren, ja vielleicht sogar in Zweifel ziehen, anstatt auf ihnen aufbauend unbeschwert und fröhlich zu leben? Wer radikal lebt, lebt riskant, er setzt sich der Gefahr aus, immer wieder „ins Leere“ zu treten.

Doch wenn wir genauer hinschauen, begegnen uns radikale Menschen oft anders exponiert. Ihre Radikalität ist nicht auf das Grundlegende als solches gerichtet, sondern geht von einem bis ins dogmatisch gehenden Überzeugtsein von der Richtigkeit der eigenen Grundlage aus und gestattet sich Radikalität nur in Bezug auf das Grundlegende des Anderen. Diese im politischen Diskurs immer wieder erkennbare Form der Radikalität äußert sich in einer bestimmten Denkweise, die etwa wie folgt strukturiert ist: „Die Wahrheit einer politischen Ansicht ist richtig!“ und – meistens unausgesprochen – „alle anderen Ansichten sind falsch!“

Beispiel: Die Marxisten und Kommunisten sahen die Probleme der Welt als Ursache der ökonomischen Ausbeutung der Menschen und der diese Ausbeutung ermöglichenden gesellschaftlichen Struktur. Jede andere Erklärung wurde per se verworfen und so ging man daran, dieser Erkenntnis folgend, alles was ihrer Umsetzung entgegenstand, beiseite zu schaffen, um es gelinde auszudrücken. Wer sich ihr in den Weg stellte, wurde getötet. Getötet im Angesicht einer vermeintlich absolut geltenden Wahrheit. Hier werden Menschen zu Schlächtern – im Glauben, das Richtige zu tun.

Ein anderes, näheres und für uns heute besseres Beispiel: Die Nationalsozialisten meinten, dass die Probleme der Welt durch die rassische Divergenz der Menschen entstünden. Minderwertige, ausbeuterische oder hinterhältige Rassen konnten, ja mussten vernichtet werden. Alle, die sich diesem Streben nach Erlangen der Souveränität der arischen Rasse in den Weg stellten oder es nicht tatkräftig unterstützten, wurden getötet. Der sich im Besitz der radikalen Wahrheit meinende Mensch besitzt keine Skrupel, seinesgleichen zu töten, er tut es planvoll und bewusst, sogar gerne und erfährt durch die Mächtigen Bestätigung, Dank und Anerkennung.

Um es gleich deutlich zu sagen: Alle diese so genannten „radikalen Wahrheiten“ sind philosophisch erbärmlich und politisch krude: Kurzum sie sind geisteswissenschaftlich drittklassig, eigentlich nur gedanklicher Dreck! Das mag zwar deutlich sein, macht aber die Leiden der Unschuldigen nicht wett und bringt die Getöteten nicht zurück.

Und doch: radikales Christentum ist vielleicht nötiger denn je! Um dieses recht zu verstehen, kann uns Dietrich Bonhoeffer ein gutes Beispiel sein. In der Person Dietrich Bonhoeffers begegnet uns ein Exponent des gelebten Christentums, das in all seinen Ausprägungen radikal war. Theologie und ihre Ausarbeitung waren für Bonhoeffer von herausragender Bedeutung. Er wusste genau, wann es Theologie zu betreiben galt, und wann nicht.

Es ist nicht der Stellenwert der Theologie, der hier zu nennen ist, sondern es ist die Totalität des Gottesbezuges, in dem er lebt. Dieser Gottesbezug umgreift sein ganzes Leben, kein Segment seiner Persönlichkeit ist aus diesem Bezug ausgeschlossen. Bonhoeffer ist Akademiker, Geisteswissenschaftler, Liederdichter, Musiker, Liebender und Geliebter, politisch Handelnder – weil er Christ ist. Alles, was er tut, tut er im Bewusstsein dieses Gottesbezuges. Er ist also, was seine geistliche Verwurzelung – also seine Radikalität – betrifft, als ganzer Mensch ganzer Christ.

Diese Radikalität ist deshalb so bewerkenswert, weil sie ihn zunächst selbst fordert und prägt. Das, was er für wahr hält, das, was ihm fundamental wird, zwingt er nicht dem Anderen auf. Nein, er unterstellt sich dem zunächst selbst ganz. Aber er tut es nicht mit jener selbstzerstörerischen Tendenz, die allen Fanatikern und Fundamentalisten zu Eigen ist. Die islamistischen Selbstmordattentäter belegen diese Tendenz in grässlicher Weise. Bonhoeffer wird nicht Opfer seiner Radikalität, weil diese ihn zermalmt oder in ihrer Unerbittlichkeit erdrückt. Das kann schon deshalb nicht sein, weil Gott selbst unser Glück und unser Leben will. Gottes ganzes Wohlwollen gilt uns, und so kann derjenige, der sich ganz – also radikal – auf Gott einlässt, nicht schon allein deshalb „zu Schanden werden“. Wer sich auf Gott ganz einlässt, wir ganz erlöst, wird ganz heil, wird ganz leben – und eben nicht vernichtet. Auch nicht in dieser Welt!

Das dem Radikalen so nahestehende Selbstzerstörerische übt eine gefährliche, ja fast schon magische Kraft aus. Wer sich so sehr einer Sache verschreibt, dass er sich um ihrer willen nicht einmal selbst schont, vermittelt höchste Entschiedenheit und Sicherheit. Seine Bereitschaft zum Martyrium, welchen Grades auch immer, verleiht der Sache beinahe den Nimbus der Unkritisierbarkeit.

Das sind die Leib verachtenden Asketen – die Bibel kennt das Wort Askese übrigens nicht -, das sind die theologischen Perfektionisten, deren Erkenntnisse angeblich unbestreitbar sind, das sind die humorlosen, nüchtern Argumentierenden, die sich zunächst selbst auf Gottes Seite platzieren, ohne zu fragen, ob Gott sie dort überhaupt haben will. Und: Es sind die alternativlosen gedanklichen Erpresser, die so weit gehen, dass sie um irgendwelcher nebensächlicher Ansichten willen lieber ihre Kirche verlassen oder versuchen, diese nach ihren eigenen Wünschen umzuformen, selbst auf die Gefahr ihrer Spaltung oder Zerstörung.

Bonhoeffer ist da ganz und gar anders, er ist ganz und gar Christ: Er lebt, ja, er blüht auf seiner Grundlage, er weiß sich hier und in der Zukunft ganz in Gott geborgen − weil er radikal im Gottesbezug lebt.

Seine Radikalität ist nicht nur in Richtung auf Gott, sie ist auch ganz auf diese Welt hin ausgebildet. Alles, was Bonhoeffer tut, tut er, weil er glaubt.

Bonhoeffer war nicht nur Pastor. Er war aktiv im Widerstand beteiligt. Er redet nicht gegen Hitler, er handelt gegen ihn, wo er es kann. Er verhandelt 1942 mit dem schwedischen Bischof Bell, um die Chancen einer halbwegs ehrenvollen Kapitulation zu erkunden. Er vertritt Deutschland also an schwierigster diplomatischer Stelle.

In der finstersten Zeit der deutschen Geschichte ist es bemerkenswerter weise ein Christ, der, neben vielen anderen, Würde, Rückgrat und Courage an den Tag legt und damit ein sehr positives, so ganz anderes Bild des „Deutschen“ vermittelt, als die Nationalisten in ihren braunen Röcken es tun. Bonhoeffer war mit seinem typisch preußischen Bildungsbürgertum, mit seinem protestantischen Glauben und mit seiner Gesinnung dem Deutschen viel näher als die Machthaber des Dritten Reiches. Sie waren in Wahrheit diejenigen, die „deutsches Wesen“ mit Füßen getreten und unserem Land die größte Entwürdigung antaten. Nie, weder vorher und nachher, wurde Deutschland so undeutsch regiert wie unter Hitler.

Und: Auch dort, wo er ganz privat ist, lebt er seine Grundlage. Die Liebe zu Maria von Wedemeyer, einer ebenso schönen wie klugen jungen deutschen Dame klassischen Zuschnitts zeigt deutlich, dass er alles andere als der Diesseitigkeit abgewandt war. Der Briefwechsel mit ihr ist ein entzückendes Dokument tiefsten Zugetanseins. Nein, er ergreift die Diesseitigkeit mit beiden Händen, weil er sie als Gottesgeschenk weiß und erfährt; er sagt: „Wir sind es Gott schuldig, die Zukunft zu gestalten.“

Ganz so, wie sich Bonhoeffer mit seinem Menschsein im Gottesbezug weiß, so ganz handelt er auch an sich, den Seinen und den ihm Anbefohlenen aus diesem Glauben heraus.

Das ist wahre, echte, erstrebenswerte und nacheifernswürdige Radikalität. Sie schafft Frieden und Luft, sie gewährt Freiheit zum Atmen, sie predigt und lebt Gott, sie weiß um Christus und sie weiß in jeder Sekunde um das jenseitige Bessere, auf das Bonhoeffer gewartet hat.

Dieses Unverfälschte am christlichen Glauben und Leben Bonhoeffers strahlt bis in unsere Tage uneingeschränkt hinein. Wir lernen von ihm, was Bonhoeffer selbst von Christus gelernt hat, und mit ihm können auch wir es von unserem Herrn lernen: Christus ist radikal in seinem Willen, Gottes Erlösungswerk zu vollenden, Christus ist radikal in seiner Bereitschaft zur Liebe und zur Vergebung. Niemand kann radikalerer Christ sein als Christus, der Christus am Kreuz. Seine Radikalität zerstörte nicht Leben, sondern erwirkt unser aller Leben, hier – und in der neuen Welt.

Von der hat auch Bonhoeffer gewusst, auch in der Stunde seines Todes.